Hellmuth Opitz
Hellmuth Opitz - Neues von der Schreibtischkante

Neues von der Schreibtischkante

Auf kaum etwas habe ich in den Zeiten der Pandemie so ungeduldig und sehnsüchtig hingewartet wie auf Bob Dylans neues Album „Rough And Rowdy Ways“, das dann schließlich am 19. Juni auf den Markt kam. Ende März, mitten in der Zeit des Lockdowns, stellte Bob Dylan, von dem man acht Jahre lang nichts aus eigener Feder gehört hatte, einen neuen Song zum Streamen bereit. Und was für einen Song! Knapp 17 Minuten lang, ist „Murder Most Foul“ eher ein langes Gedicht mit musikalischer Untermalung. Auf der historischen Folie der Ermordung des US-Präsidenten John F. Kennedy entwirft Dylan hier ein düsteres Panorama Amerikas, ein Land, das nahezu chronisch dazu neigt, seine Hoffnungsträger wie Robert Kennedy oder Martin Luther King bei Attentaten über die Klinge springen zu lassen. Wenig später folgte mit „I Contain Multitudes“ schon der nächste Song auf „Youtube“, der Text erforscht auf den Spuren von Walt Whitman und William Blake den unterschiedlichen Facetten, aus denen sich eine komplexe Persönlichkeit zusammensetzt und frönt – wie auch andere Songs des Albums – der Kunst eines irrwitzigen Namedroppings, das Dylans geistigen Horizont absteckt. Es ist ein großes Album, die Spätlese eines 79jährigen genialen Songwriters, Songs, die oft die Zielgrade des Lebens besingen, wie in meinem derzeitigen Lieblingstrack „Key West.“
Das ist nicht alles versöhnlich, Dylan gibt sich in seinen Texten erstaunlich oft geradezu alttestamentarisch blutrünstig, aber es ist klarsichtig und illusionslos. 70 Minuten Hörgenuss vom Stop-and-Go-Blues von „False Prophet“ bis zum besagten lyrischen „Key West“ und ich glaube insgeheim, dies ist nicht sein letztes Album gewesen.


Neben den Romanen des leider zu früh verstorbenen Autors Kent Haruf, der mit erzählerischen Mitteln die fiktive Kleinstadt Holt in Colorado erschuf, schätze ich auch die amerikanische Autorin Elizabeth Strout sehr. Mit ihrem aktuellen Roman „Die langen Abende“ greift sie eine Romanfigur wieder auf, der sie schon vor einigen Jahren in dem Roman „Mit Blick aufs Meer“ ein Denkmal gesetzt hat. Olivia Kitteridge, so der Name, ist keine sympathische Protagonistin:. Die ehemalige Mathelehrerein an einer Highschool ist unleidlich, schlechtgelaunt, beleidigend und ungerecht, dazu übergewichtig und plump, kurz: eine ältliche Wuchtbrumme der nervtötenden Art. „Bullying“ würde man im Englischen wohl sagen. Wie Elizabeth Strout es schafft, dass man als Leser sich in diese Person einfühlt, ist hohe Romankunst. Olivia Kitteridge, die im Erstling „Mit Blick aufs Meer“ ihren sanftmütigen ersten Ehemann durch ihre bärbeißige Lieblosigkeit in den frühen Tod getrieben und sich mit ihrem Sohn zerstritten hat, wird in „Die langen Abend“ ganz allmählich etwas milder, ihr ist sogar ein spätes Liebesglück mit einem Witwer vergönnt. Bestechend ist das Gespür von Elizabeth Strout für realistische, aber gut pointierte Dialoge. Ich empfehle also nachdrücklich beide Romane von ihr – aber bitte mit „Mit Blick aufs Meer“ anfangen!