Hellmuth Opitz
Hellmuth Opitz - Neues von der Schreibtischkante

Schreiben in Zeiten des hohen C

Wie hat sich die Pandemie in Ihrem Schreiben bemerkbar gemacht? Gute Frage. Nicht sofort, aber allmählich, würde ich sagen. Das erste unmittelbare Symptom von Covid-19 war das Verschwinden von Terminen. Die Kalenderblätter wurden so weiß wie die Lungenflügel von Patienten, die zu den schweren Coronafällen zählen. Nein, keine gute Parallele. Vor allem harmlos, wenn man sie mit den gesundheitlichen Folgen für besagte Patienten vergleicht. Aber ein Symptom, das auch Nebenwirkungen hat. 14 Lesetermine fielen von heute auf morgen weg. Und plötzlich merkte ich, wie wichtig Lesungen auch für das Schreiben neuerer Gedichte sind. Man kann diese Gedichte einmal am Publikum ausprobieren, bekommt dafür Reaktionen, es ist ein Lackmustest für die Wirksamkeit der eigenen Poesie. Das Schreiben von Gedichten findet ohnehin schon oft im luftleeren Raum statt, man schreibt einsam vor sich hin, ist unsicher, und fragt sich, wo man sich literarisch hinbewegt oder ob die neuen Sachen überhaupt etwas taugen. Corona hat diesen merkwürdigen Zustand noch verlängert, die Selbstzweifel nehmen zu, man hinterfragt das eigene Ich.

Gut war, dass in den Zeiten des Lockdowns die Idee eine poetische Online-Anthologie zum Thema entstand, ihr Titel: Lockdown-Lyrik. Initiiert von dem mit mir befreundeten GEDICHT-Herausgeber Anton G. Leitner, reichten zahlreiche Dichter und Dichterinnen neue Gedichte ein, die sich direkt oder indirekt mit der Corona-Situation befassten. Neben ernsten Poemen waren auch viele humorvolle Beiträge dabei, die von den drei Herausgebern Alex Dreppec, Fritz Deppert und Jan-Eike Hornauer kompetent betreut und fein ediert auf Facebook sowie auf dasgedichtblog.de erschienen. Über 150 Gedichte enthält diese Online-Anthologie, auch drei neuere Gedichte von mir sind dabei. Das Positive dabei: Man erhielt immerhin mal wieder Reaktionen, wenn die Mehrheit davon auch eher Daumen-hoch-Likes und nur wenige Kommentare waren. Wenn ich mir meine Gedichtproduktion der letzten Wochen und Monate so anschaue, so sind nur drei Gedichte mit unmittelbarem Corona-Bezug dabei. Dennoch haben die Auswirkungen der Pandemie weiterhin Einfluss auf meine Poesie, die Gedichte sind etwas ernster, auch erzählerischer geworden. Aber die Liebe – soviel sei gesagt – kommt nicht zu kurz.

Um den Entzug von Live-Auftritten zu kompensieren, haben viele Poeten und Poetinnen kleine Lese-Videoclips online gestellt, viele davon auch häufiger und regelmäßig. Ich habe das einmal gemacht, (hier der Link), bin aber der Meinung, man sollte ökonomisch mit diesem Werbemittel umgehen, da es in der Häufung steril und künstlich wirkt und die Atmosphäre einer Lesung keinesfalls wiedergeben kann. Bleibt zu hoffen, dass in absehbarer Zeit wieder verstärkt Lesungen möglich sein werden, einige Lesungstermine habe ich für 2021 schon vorgemerkt (siehe Termine).

In diesem Sinne: der Poesie treu und gesund bleiben!
Hellmuth Opitz