Hellmuth Opitz
Hellmuth Opitz - Neues von der Schreibtischkante

Die ach so innovativen Lesungsformate

Ich erinnere mich gut an eine Lesung Ende der 80er Jahre im ostwestfälischen Lage/Hörste am Sitz der dortigen Weiterbildungsakademie. Die Veranstalter wollten etwas Neues ausprobieren und hatten sich eine originelle Open Air-Variation ausgedacht. Im angrenzenden Wald sollten sich diverse Lyriker und Lyrikerinnen strategisch entlang eines Wanderweges verteilen und den dort vorbeikommenden Wanderern und Spaziergängern spontan Gedichte vortragen. Eine Veranstaltung mit hohem Fremdschäm … nein Selbstschämfaktor. Man kam sich vor wie ein lyrischer Wegelagerer, der Leuten auflauert, die vielleicht lieber den Vögeln und anderen Geräuschen der Natur zugehört hätten als ambitionierten Versen eines poetischen Heckenschützen. Eine andere Dichterkollegin erzählte mir folgende Lesungsanekdote: Bei der Wiedereröffnung eines akademischen Gebäudes wurden Lyriker engagiert, die in dem (ja, das gab es noch!) Paternoster ihre Poesie vortragen sollten. Das führte dazu, dass sie pro Etage nur wenige Zeilen in ein vorbeihuschendes Publikum rufen konnten, bevor der Kettenfahrstuhl wieder nach oben bzw. unten verschwand.
Herrlicher Schwachsinn. Gern genommen werden auch Verkehrsmittel, in denen Spontan- bzw. Blitzlesungen stattfinden sollen. Und wenn der/die betreffende Lyriker/in die Stimme dann zum Vortrag erhebt, seufzen alle anderen Fahrgäste genervt, weil sie das aus U-Bahnwaggons in Großstädten kennen. Nicht alles, was sich in Kulturmarketing-Powerpoint-Präsentationen peppig liest, ist auch wirklich lesungsgeeignet. Aber die Kreativwirtschaft (ein Wort, das bei mir Würgereiz auslöst) spricht da gern von „innovativen Lesungsformaten“. Keine Frage: Es gibt auch hervorragende Ideen, Lyrik spontan an den Mann bzw. die Frau zu bringen. Ich hatte während eines Urlaubs mehrfach die Gelegenheit, morgens den Zug von Stamford/Connecticut nach New York zu nehmen. Regelmäßig kam der Fahrkartenkontrolleur durch den Zug und verband dabei die Ansage des nächsten Halts mit einer gereimten Wettervorhersage. Auch ein Punker daheim in der Fußgängerzone kleidete seinen Wunsch nach einem Euro in ein originelles Poem. Das ist unverhoffte Begegnung mit Poesie, die dem Alltag einen Funken Originalität verleiht. Als Schreibender und Vortraqender habe ich eine ambivalente Meinung zu Lesungen unter allen Umständen. Wirklich nicht jeden Zirkus mitmachen, der sich in Kulturmarketing-Etagen aus dem Hirn geschraubt wird. Andererseits aber auch mal robust sein, wenn die Umstände es erfordern, wenn etwa ein Kaffeevollautomat dazwischen röchelt oder man sich auf den Leseinseln bei Buchmessen ein stark fluktuierendes Publikum immer wieder neu erlesen muss.

In diesem Sinne Ihnen (und mir) ein lohnendes Lesejahr 2018! Hellmuth Opitz
Hellmuth Opitz