Hellmuth Opitz
Hellmuth Opitz - Neues von der Schreibtischkante

Der Stoff, aus dem das Abi ist

Es war Ende April, Anfang Mai diesen Jahres, ich verbrachte zusammen mit meiner Frau Isabel einige Urlaubstage zwischen Lübeck und Wismar, da erreichten mich auf dem Handy erstaunliche Meldungen: Eine Mutter schrieb mir, dass ihre Tochter ein Gedicht von mir in ihrer Deutsch-Abi-Klausur ausgewählt hätte und nun unsicher sei, ob ihre Interpretation die Intentionen des Autors getroffen hätte. Es wäre ja die seltene Gelegenheit, dass man im Rahmen einer Abi-Klausur auf einen noch lebenden Autor treffe, den man noch fragen könne. Ach ja, sie melde sich aus Thüringen. Ich war zunächst verwirrt: Ein Gedicht von mit im Deutsch-Abi des Bundeslands Thüringen? Mich hatte nie eine Anfrage erreicht und um welches Gedicht handelte es sich überhaupt? „Irgendwas mit Kühen“, so die Antwort. Da kommt eigentlich nur mein Gedicht „Übung in Schwarzweiß-Malerei“ in Frage. Und so war es auch. Binnen der nächsten Tage liefen zahlreiche Mails und Whatsapp-Nachrichten bei mir auf – von Lehrern, Eltern und Schülern. Alle mit der Frage oder Bitte um Anhaltspunkte für die Interpretation. Ich gehöre jetzt nicht zu den Poeten, die sagen, der Text spricht für sich. Seht zu, wie ihr interpretatorisch klarkommt. Also habe ich einige Eckpunkte genannt und erfuhr, dass es vom Kultusministerium in Thüringen einen sogenannten „Erwartungshorizont“ gibt, in dem Ergebnisse aufgelistet sind, auf die Schüler bei der Interpretation des Gedichts kommen sollten, wenn sie eine halbwegs gute Klausurnote haben wollen. Diesen Erwartungshorizont schickten mir einige Lehrer zu. Ich fand ihn zugegebenermaßen etwas formalistisch und eindimensional, aber es bedarf bei einer solchen Vorgabe wohl einiger objektiver Kriterien und Schlagworte wie „Zukunftsangst“ etc.
Als ich meine Interpretation verschickt hatte, erreichte mich eine Welle der Dankbarkeit und Erleichterung, weil die meisten Schüler wohl einigermaßen richtig gelegen hatten. Erstaunlich waren für mich die unterschiedlichen Interpretationsansätze. Ein Schüler hatte das Gedicht als Klage eines Landwirts über den Niedergang der Milchviehwirtschaft gelesen und siehe da: Er konnte es anhand einiger Textstellen auch schlüssig belegen. Natürlich freut mich die Tatsache, dass ein Gedicht von mir für das Abitur eines Bundeslandes ausgewählt wurde. Mich irritiert eher, dass ich vorher davon nicht informiert wurde. Ich hätte natürlich mein Einverständnis gegeben. Was mich auch interessiert: Nach welchen Kriterien wird ein solcher Abi-Stoff ausgewählt? Ich werde mich in der nächsten Zeit diesbezüglich mal an das Kultusministerium in Erfurt wenden. Übrigens, wen das Gedicht interessiert: Ich habe es hier unter „Gedicht des Monats“ eingestellt.

Viel Vergnügen beim Interpretieren!
Hellmuth Opitz